Usinger Anzeiger vom 21.06.2020

Wen oder was vermissen Sie zurzeit am meisten?
Ganz klar: Meine Mutter. Sie lebt allein mit ihrem kleinen Hund an der holländischen Grenze. In Zeiten des Lockdowns musste auch sie Abstand halten, durfte ihre Schwestern oder ihre Freunde nicht besuchen. Da habe ich mir Sorgen gemacht.

Was werden Sie zuerst unternehmen, wenn Sie sich wieder frei von Einschränkungen bewegen können?
Ein Familienwochenende organisieren, bei dem wir uns zur Begrüßung auch alle wieder umarmen und drücken dürfen. Einige bei uns gehören zur Risikogruppe – da müssen wir noch weiter vorsichtig sein. Und dann würde ich gern das nächste Fest in Schmitten wieder so richtig genießen und mit meinen Freunden und allen anderen feiern. Mit den Grünen Damen werden wir sicherlich einen schönen und lustigen Nachmittag im Seniorenzentrum organisieren und genießen, dass wir jetzt wieder uneingeschränkt Zeit miteinander verbringen dürfen.

Ich muss aber sagen, dass ich mich persönlich aktuell nicht unfrei fühle. Klar, wir leben in besonderen Zeiten, die sich keiner hätte vorstellen können und es gibt Einschränkungen zum Wohle aller, aber wenn es für uns alle gut ist, dann halte ich mich da gerne dran. Es gibt so viele schöne Dinge die möglich sind. Da bin ich gerne geduldig.

Wie halten Sie Kontakt zu den Menschen, die Ihnen lieb und wichtig sind?
Fast tägliche kurze Telefonate oder lieber noch Videoanrufe. Sich auch zu sehen, hilft. Wir sind eine große Familie: Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins mit Familien. Die traditionellen Familienfeiern haben wir mit einem virtuellen Familienkaffee z.B. an Ostern oder Muttertag kompensiert. Jeder backt seinen Kuchen selbst, deckt sich seinen Tisch und dann haben wir uns per Skype zusammengeschaltet. Die Vorfreude, die individuellen Vorbereitungen, die Aufregung, ob es gelingt, dass alle in die Videokonferenz kommen, die Pannen dabei – wenn sich dann eine Stunde alle sehen, erzählen können, und vor allen Dingen gemeinsam lachen – das hat sehr gut getan. Beim ersten Mal haben einige nur per Telefon mitgemacht. Mittlerweile sind auch alle meine Tanten und Onkel sicher was Videokonferenzen angeht – das finde ich toll!

Wie hat sich Ihr Alltag durch Corona verändert?
Die größte Veränderung ist sicherlich die Tatsache, dass ich aktuell zu 100% aus dem Home-Office arbeite. Keine Geschäftsreisen. Ich arbeite bei einem der weltweit führenden IT-Technologieanbieter und Netzbetreiber. Ich vermisse den persönlichen Kontakt mit den Kollegen, aber trotz der Distanz ist das Gemeinschaftsgefühl groß. Die angenehmen Seiten des Home-Office heißen für mich auch tägliche Hunderunde in der Mittagspause, in den Pausen Cappucino auf der Terrasse mit Blick auf den Arnoldshainer Winkel. Das tut gut.

Was sich auch verändert hat ist der Wahlkampf. Vor Corona war ich immer viel in der Gemeinde unterwegs, Jahreshauptversammlungen, Geschichtsveranstaltungen, Feste, Konzerte – all das kam mit Corona und dem Lock-down abrupt zu einem vorläufigen Ende. Mittlerweile freue ich mich über die Lockerungen und die kleinen Veranstaltungen an der frischen Luft, die hier und da wieder möglich sind.

Politische Arbeit in der Gemeindevertretung hat in erstem Halbjahr 2020 Corona-bedingt auch nicht stattgefunden. Ich bin froh, dass es nach der Sitzungspause ab September wieder mit den regulären Sitzungen weitergeht.

Welches Buch (welcher Film, welche Serie) hilft Ihnen in diesen Tagen durch ein Stimmungstief?
Also ein Stimmungstief habe ich nicht. Glücklicherweise können mein Mann und ich uns immer gegenseitig aufbauen. Außerdem bin ich eine unverbesserliche Optimistin und positiv denkender Mensch.

Was mir aber gut tut, ist es raus in unsere schöne Natur zu kommen. Mit unserer Hündin Campanilla muss bzw. darf ich täglich raus. Bei Wind und Wetter und zu jeder Jahreszeit liebe ich den Taunus. Ich glaube, gerade in der Zeit des Lock-Downs hatten wir Schmittener mit unserer wundervollen Landschaft direkt vor der Haustür sehr viel Glück, im Vergleich zu bspw. Familien, die vielleicht in einer Wohnung in der Stadt leben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Momentan reden wir viel von dem, was „wirklich wichtig“ ist: menschliche Beziehungen, gegenseitige Rücksichtnahme, regionale Strukturen. Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft sich durch die Pandemie verändern wird?
Ja. Ich denke, wir sind uns im Großen bewusster geworden wie wichtig die Themen „Gesundheit“ und „Freiheit“ sind. Im Kleinen sind wir sensibler geworden, was das Leben ausmacht: Gemeinsamkeit, Zusammenhalt, Familie.

Die Würde des Menschen sei ein absolutes Gut, „aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen“, hat Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble gesagt. Müssen wir mehr über Werte diskutieren?
Ich denke schon, Diskussion und Austausch ist immer wichtig in einer Gesellschaft. Für mich ist klar, unsere starke Wirtschaft und unser starkes Deutschland haben wir vor allem auch unseren älteren Mitbürgern zu verdanken. Die haben dieses Land nach dem 2. Weltkrieg aufgebaut und die Fundamente für unseren heutigen Wohlstand geschaffen.

Aktuell finde ich gut, wenn wir hier bei uns schauen was wir Gutes für unsere älteren Bürger tun können, damit sie möglichst wenig unter der Isolation leiden müssen.
Angesichts der wirtschaftlichen Situation sind viele Menschen in Sorge und klar ist, dass die Pandemie Spuren hinterlassen wird. Aber ich bin auch überzeugt, dass wir gemeinsam durch diese Krise kommen werden. Ich glaube, anderen Generationen hatten da noch ganz andere Herausforderungen zu meistern. Wir sollten zuversichtlich sein.

Jede Krise beinhaltet auch Chancen. Was sollte man jetzt besser machen als vor dem Lockdown?
Vielleicht ein wenig demütiger sein und dankbar für das, was wir haben. Unsere Gesundheit, unsere Gemeinschaft, unser Wohlstand, unsere Freiheit. Nicht vergessen, wie stark wir Menschen sind, wenn wir zusammenhalten.

Die Versorgungen vor Ort, das lokale Gewerbe, die lokalen Gastronomie schätzen. Lokal kaufen, was auch nachhaltiger ist. Die sogenannten System-relevanten Berufe schätzen, auch finanziell, die Krankenschwester, der Pfleger, die Kindergärtnerin. Und nicht vergessen, dass es neben dem Virus noch ein weiteres Thema gibt, das dringend unsere ganze Aufmerksamkeit bedarf: Der Klimawandel bzw. der Schutz unserer Umwelt.

Das Krisenmanagement der Bundesregierung hat das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik gestärkt. Daneben bricht sich ein anderes Phänomen Bahn. Selbst aufgeklärte und intelligente Menschen verbreiten krude Verschwörungstheorien. Woher kommt diese Verunsicherung?
Das wichtigste zuerst: Die Maßnahmen der Bundesregierung waren richtig und rechtzeitig. Sie haben gewirkt und schlimmste Zustände wie in Italien oder New York verhindert. Wenn jetzt einige zweifeln, ob es überhaupt Corona gibt, dann ist diesen Menschen nicht zu helfen. Persönlich kann und will ich das nicht nachvollziehen. Ich kenne einige Menschen, die von den Folgen des Lock-Downs getroffen sind. Sie sind in Sorge um ihre isolierten Angehörigen bspw. im Seniorenheim. Andere machen sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft. Mit diesen Gefühlen der Menschen sollte man nicht spielen.

Der Wunsch „Bleiben Sie gesund“ ist zur Floskel geworden. Wie beenden Sie Telefonate oder E-Mails?
Mit „Bleiben Sie gesund“. Für mich ist das keine Floskel, sondern ein ehrlicher Wunsch. Den Wert der Gesundheit von unseren Lieben und uns selbst haben wir ja gerade in den letzten Wochen wieder gelernt. Natürlich wird man diesen Satz nicht über Jahre hinweg automatisch als Abschluss eines Telefonats oder eine Mail verwenden. Wenn die Gefahr abnimmt, wird das zurückgehen. Aber über Gesundheit sollten wir uns jeden Tag freuen. Sie ist ein Geschenk, über das man sich freuen sollte. Jeden Tag.

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